Kalenderblatt 5/2021 – Short Distance Walks, 14

Im Reisearchiv
Wandern

»Am besten wandert man. Wir sollten dem chinesischen Dichter Li Po folgen auf der mühseligen Reise und den vielen Verästelungen des Wegs. Denn das Leben ist eine Reise durch die Wildnis …«

Bruce Chatwin, Der Traum des Ruhelosen. München (Carl Hanser Verlag) 1996, S.131

2017 verbrachte ich wieder eine Zeit in der zauberhaften griechischen Bucht Kalamitsi bei Kardamyli in der Mani, wo Bruce Chatwin seine Traumpfade schrieb und Patrick Leigh-Fermor wohnte. In der Biographie von Nicholas Shakespeare ist zu lesen, wo er und Elizabeth Chatwin die Asche des 1989 verstorbenen obsessiven Wanderers und Reisenden verstreuten. Die versteckte kleine Steinkirche Agios Nikolaos weit oberhalb Kardamyli war nicht leicht zu finden und es berührte mich sehr, diesen magischen Ort, zu dem Chatwin oft wanderte und den er sehr liebte, zu finden.

»Man kann nicht erkennen, wo sich die Asche befindet, sagt Paddy Leigh-Fermor. Elizabeth hatte die Überreste in einem Eichenbehälter mit nach Kardamyli gebracht. Er fährt fort: Der Boden war zu hart, um sie einzugraben. Deshalb hoben wir unter einem Olivenbaum sehr dicht bei der Kirche mit dem Spatel ein Loch aus, schütteten Bruce‘ Asche hinein, gossen Retsina als Trankopfer hinzu und sprachen ein griechisches Gebet. ‚Möge die Erde leicht auf ihm ruhen, und möge die Erinnerung an ihn ewig andauern.‘ Dann aßen wir ein Picknick, was ihm wahrscheinlich gut gefallen hätte.
Die Stelle ist von Olivenwäldern umgeben, die ziemlich steil abfallen und im Frühjahr voll von den herrlichsten Blumen sind: Anemonen, wilden Geranien, wildem Knoblauch, Blaustern, Asphodill, Schöllkraut und Milchstern. Bruce hatte erstaunliche Botanikkenntnise. Ich erinnere mich, wie in Kardamyli jemand ins Zimmer kam und fragte: ‚Wie heißt diese Blume?‘ Bruce blickte auf, antwortete: ‚Magnolia grandiflora angustifolia‘, und schrieb weiter.«

Nicholas Shakespeare, Bruce Chatwin. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg (Kindler Verlag) 2000. S. 802f

Kalenderblatt 4/2021 – Short Distance Walks, 13

In der dritten Welle der Pandemie. Lockdown, Ausgangsbeschränkungen. 

Was geht? … Spaziergänge, einen Bleistift kaufen gehen. Ich lese Texte über das Gehen bis hin zu denen der obsessiven Wanderer – sie bilden ein weitläufiges poetisches Rhizom in meiner Bibliothek mit dichtem Zitatgeflecht. 

Gehen und stehen

»Giacometti liebte es zu gehen, er flanierte durch die Straßen von Paris, zeichnete, machte sich Notizen. Der gehende Mann scheint für Giacometti eine Art Archetyp gewesen zu sein; ein ursprüngliches Bild oder ein Vorbild: sich bewegen, die Gestalt, die ausschreitet und die Arme schwingen lässt, wohin ist sie unterwegs? Was sieht sie? Wir erkennen uns in dieser Gestalt, wir wollen zu anderen Orten, wir sehen andere Dinge, aber Giacomettis Skulpturen haben zwei grundlegende Zustände in der Natur und im Menschen herausgearbeitet und vertieft: sich bewegen und stehen.«

Tomas Espedal, Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen. Berlin, 2011. S. 141

Kalenderblatt 3/2021

»…Rose von Schnee inmitten Frühling, endlich
im Gehäuse Maria Callas‘ Stimme Vogel Musik erlesene stürmende
stürzende Träne …

… und scheu der Vogel der Nacht trauert …
… und ahmt die kl. Schritte
die immer wehrloseren Schritte des Leibs der Seele / und immer
(nimmer) habe verborgen ich lebenslang den Schmerz die Panik die
Einsamkeit, in meinen geflügelten Wohnungen … «

aus: Friederike Mayröcker, Scardanelli. Frankfurt am Main, 2009. S. 25

Kalenderblatt 2/2021 – Short Distance Walks, 12

Wandern und Sammeln
Zwei Seiten einer Collagearbeit

Nach einem Jahr Leben mit der Pandemie scheint sich der anfängliche Lichtblick zu Jahresbeginn wieder zu verdunkeln. 
Ich botanisiere weiter in meiner Bibliothek, den Text- und Bildarchiven. 
„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten aus den Stuben, über die Sterne“, schreibt Jean Paul. Unterwegs in imaginären Räumen mit Echos, nirgendwo ankommend, in Welten, die sich übereinander schieben, aufeinander  projizieren.

Die Collage ‚Der Wanderer‘ ist nach Gesprächen mit Herbert Kobler entstanden und dem 2019 verstorbenen Freund gewidmet.

Short Distance Walks, 10

Notizen in Zeiten der Ausgangsbeschränkung

10 / 5. Mai 2020

Bilder.
Paul Klees Küche

»März. Das Glasbild 1908/56 Der Balkon. Im März mimte ich wieder einmal längere Zeit Kindermädchen, da uns ein Lausdirndl weggelaufen war. Daher musste ich mein nulla sine linea etwas lassen. Das kam einer wohlgelungenen Arbeit zustatten, die besondere Frische der Formung aufweist. Gesehen habe ich das Bild schon einige Tage vorher, natürlich vom Küchenbalkon aus, welcher mein einziger Ausgang war. Dann vermochte ich mich von allen Zufälligkeiten dieses Stücks ‚Natur‘ loszulösen, sowohl in der Zeichnung als in der Tonalität, und gab nur das ‚Typische‘ in durchdachter formaler Genesis wieder. Ob ich nun aus dem Dickicht wirklich heraus bin?? Dieser Küchenbalkon, das unbebaute Feld, die Hohenzollernstraße. Der Ausblick eines Gefangenen in mehrfacher Richtung.«
Tagebücher von Paul Klee 1898-1918. Herausgegeben und eingeleitet von Felix Klee. Köln ( DuMont Buchverlag) 1979. 813a, S. 233f

Der Maler Joachim Jung hat Paul Klees Wohnung in München erforscht und sie in akribischen Schwarzaquarellen in seine Kunstwelt überführt. Es war dunkel dort. Paul Klee führte das Leben eines Hausmanns und hatte wenig Ausgang. Felix Klees Erinnerungen beschwören den kreativen Kosmos dieser Küche herauf, in der sein Vater nicht nur leidenschaftlich kochte, sondern auch wie ein »Alchimist« hantierte, »Aquarelle und unendlich feine Zeichnungen« schuf …

Heidi Fenzl-Schwab: In Paul Klees Küche und darüber hinaus
Dieser Text erschien erstmals im Münchner Feuilleton, Nr. 48, Januar 2016

Short Distance Walks, 9

Notizen in Zeiten der Ausgangsbeschränkung

9 / 1. Mai 2020

Bibliothek

HEUTE ICH STAUNE zum Beispiel hinter dem Wort
wo es schrecklich Zeit ist als ich mich im Mai  
befinde

wie mir wirklich von draußen herein der Anfang
beginnt und die unterschiedlichsten Sprachen
vergehen

der Mund der auch also nur noch die Ohren
sehr notwendig hängen dazwischen mein Gesicht
hat

die Sprache vergessen mit der man geht und
zurückkommt

Paul Wühr: Rede. Ein Gedicht. München (Hanser Verlag) 1979, S. 90