Kalenderblatt 4/2021 – Short Distance Walks, 13

In der dritten Welle der Pandemie. Lockdown, Ausgangsbeschränkungen. 

Was geht? … Spaziergänge, einen Bleistift kaufen gehen. Ich lese Texte über das Gehen bis hin zu denen obsessiver Wanderer – sie bilden ein weitläufiges poetisches Rhizom in meiner Bibliothek mit dichtem Zitatgeflecht. 

Gehen und stehen

»Giacometti liebte es zu gehen, er flanierte durch die Straßen von Paris, zeichnete, machte sich Notizen. Der gehende Mann scheint für Giacometti eine Art Archetyp gewesen zu sein; ein ursprüngliches Bild oder ein Vorbild: sich bewegen, die Gestalt, die ausschreitet und die Arme schwingen lässt, wohin ist sie unterwegs? Was sieht sie? Wir erkennen uns in dieser Gestalt, wir wollen zu anderen Orten, wir sehen andere Dinge, aber Giacomettis Skulpturen haben zwei grundlegende Zustände in der Natur und im Menschen herausgearbeitet und vertieft: sich bewegen und stehen.«

Tomas Espedal, Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen. Berlin, 2011. S. 141

Kalenderblatt 3/2021

»…Rose von Schnee inmitten Frühling, endlich
im Gehäuse Maria Callas‘ Stimme Vogel Musik erlesene stürmende
stürzende Träne …

… und scheu der Vogel der Nacht trauert …
… und ahmt die kl. Schritte
die immer wehrloseren Schritte des Leibs der Seele / und immer
(nimmer) habe verborgen ich lebenslang den Schmerz die Panik die
Einsamkeit, in meinen geflügelten Wohnungen … «

aus: Friederike Mayröcker, Scardanelli. Frankfurt am Main, 2009. S. 25

Kalenderblatt 2/2021 – Short Distance Walks, 12

Wandern und Sammeln
Zwei Seiten einer Collagearbeit

Nach einem Jahr Leben mit der Pandemie scheint sich der anfängliche Lichtblick zu Jahresbeginn wieder zu verdunkeln. 
Ich botanisiere weiter in meiner Bibliothek, den Text- und Bildarchiven. 
„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten aus den Stuben, über die Sterne“, schreibt Jean Paul. Unterwegs in imaginären Räumen mit Echos, nirgendwo ankommend, in Welten, die sich übereinander schieben, aufeinander  projizieren.

Die Collage ‚Der Wanderer‘ ist nach Gesprächen mit Herbert Kobler entstanden und dem 2019 verstorbenen Freund gewidmet.

Short Distance Walks, 10

Notizen in Zeiten der Ausgangsbeschränkung

10 / 5. Mai 2020

Bilder.
Paul Klees Küche

»März. Das Glasbild 1908/56 Der Balkon. Im März mimte ich wieder einmal längere Zeit Kindermädchen, da uns ein Lausdirndl weggelaufen war. Daher musste ich mein nulla sine linea etwas lassen. Das kam einer wohlgelungenen Arbeit zustatten, die besondere Frische der Formung aufweist. Gesehen habe ich das Bild schon einige Tage vorher, natürlich vom Küchenbalkon aus, welcher mein einziger Ausgang war. Dann vermochte ich mich von allen Zufälligkeiten dieses Stücks ‚Natur‘ loszulösen, sowohl in der Zeichnung als in der Tonalität, und gab nur das ‚Typische‘ in durchdachter formaler Genesis wieder. Ob ich nun aus dem Dickicht wirklich heraus bin?? Dieser Küchenbalkon, das unbebaute Feld, die Hohenzollernstraße. Der Ausblick eines Gefangenen in mehrfacher Richtung.«
Tagebücher von Paul Klee 1898-1918. Herausgegeben und eingeleitet von Felix Klee. Köln ( DuMont Buchverlag) 1979. 813a, S. 233f

Der Maler Joachim Jung hat Paul Klees Wohnung in München erforscht und sie in akribischen Schwarzaquarellen in seine Kunstwelt überführt. Es war dunkel dort. Paul Klee führte das Leben eines Hausmanns und hatte wenig Ausgang. Felix Klees Erinnerungen beschwören den kreativen Kosmos dieser Küche herauf, in der sein Vater nicht nur leidenschaftlich kochte, sondern auch wie ein »Alchimist« hantierte, »Aquarelle und unendlich feine Zeichnungen« schuf …

Heidi Fenzl-Schwab: In Paul Klees Küche und darüber hinaus
Dieser Text erschien erstmals im Münchner Feuilleton, Nr. 48, Januar 2016

Short Distance Walks, 9

Notizen in Zeiten der Ausgangsbeschränkung

9 / 1. Mai 2020

Bibliothek

HEUTE ICH STAUNE zum Beispiel hinter dem Wort
wo es schrecklich Zeit ist als ich mich im Mai  
befinde

wie mir wirklich von draußen herein der Anfang
beginnt und die unterschiedlichsten Sprachen
vergehen

der Mund der auch also nur noch die Ohren
sehr notwendig hängen dazwischen mein Gesicht
hat

die Sprache vergessen mit der man geht und
zurückkommt

Paul Wühr: Rede. Ein Gedicht. München (Hanser Verlag) 1979, S. 90

Short Distance Walks, 8

Notizen in Zeiten der Ausgangsbeschränkung

8 / Montag, den 20. April 2020

Bibliothek

In Memoriam Paul Celan
23. November 1920 – 20. April 1970


ENGFÜHRUNG

VERBRACHT  ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:

Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!

Geh, deine Stunde
hat keine Schwestern, du bist –
bist zuhause. Ein Rad, langsam,
rollt aus sich selber, die Speichen
klettern,
klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht
braucht keine Sterne, nirgends
fragt es nach dir.

Paul Celan, Gesammelte Werke, Frankfurt am Main (Suhrkamp Taschenbuch) 1986. 1. Band, S. 197

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