06/2021 In Memoriam

Friederike Mayröcker  
20. Dezember 1924 – 4. Juni 2021

„sei du bei mir in meiner Sprache Tollheit du hast

die Blumenkränzchen mir ins Haar gedrückt da ich 1

Kind. Vom Schein des Monds, geblendet war vom Lilien-

glanz des hl.Gestirns von dessen Angesicht, das Meere

wälzt und ruft und wieder läszt, und wurde längst

erforscht an jenem Tag, als wir geflüchtet Hand in Hand

durch Wälder Büsche Rosengärten oh solch Verzückungen.

Und reichtest mir die Hand damals als die Treppe Stein-

treppe wir hinunterstürmten dasz ich nicht fallen solle

ich liebe deine Seele Geist und hl.Leib oh sei bei mir

in meiner letzten Stunde da auffliegt der Sperling über

der Hecke da Mond und Regen Wald und Frühlings Hauch 1

letztes Mal mich küssen werden und weinend Abschied

werde nehmen müsse vom Glanz der Erde Blättchen Pappel-

herzen, es war mir nie 1 Jammertal. Zierlich in Lumpen

von Spitze und Oleander, und zungenwarm von Mund zu

Mund und slumber

(so scheide ich von dieser Welt, »und dasz du meine

Seele heiltest weil sie vor dir gegrünet hat« Augustinus)“

5.8.08

 

Friedrike Mayröcker, Scardanelli. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2009, S. 43

5/2021 – Short Distance Walks, 14

Im Reisearchiv
Wandern

»Am besten wandert man. Wir sollten dem chinesischen Dichter Li Po folgen auf der mühseligen Reise und den vielen Verästelungen des Wegs. Denn das Leben ist eine Reise durch die Wildnis …«

Bruce Chatwin, Der Traum des Ruhelosen. München (Carl Hanser Verlag) 1996, S.131

2017 verbrachte ich wieder eine Zeit in der zauberhaften griechischen Bucht Kalamitsi bei Kardamyli in der Mani, wo Bruce Chatwin seine Traumpfade schrieb und Patrick Leigh-Fermor wohnte. In der Biographie von Nicholas Shakespeare ist zu lesen, wo er und Elizabeth Chatwin die Asche des 1989 verstorbenen obsessiven Wanderers und Reisenden verstreuten. Die versteckte kleine Steinkirche Agios Nikolaos weit oberhalb Kardamyli war nicht leicht zu finden und es berührte mich sehr, diesen magischen Ort, zu dem Chatwin oft wanderte und den er sehr liebte, zu finden.

»Man kann nicht erkennen, wo sich die Asche befindet, sagt Paddy Leigh-Fermor. Elizabeth hatte die Überreste in einem Eichenbehälter mit nach Kardamyli gebracht. Er fährt fort: Der Boden war zu hart, um sie einzugraben. Deshalb hoben wir unter einem Olivenbaum sehr dicht bei der Kirche mit dem Spatel ein Loch aus, schütteten Bruce‘ Asche hinein, gossen Retsina als Trankopfer hinzu und sprachen ein griechisches Gebet. ‚Möge die Erde leicht auf ihm ruhen, und möge die Erinnerung an ihn ewig andauern.‘ Dann aßen wir ein Picknick, was ihm wahrscheinlich gut gefallen hätte.
Die Stelle ist von Olivenwäldern umgeben, die ziemlich steil abfallen und im Frühjahr voll von den herrlichsten Blumen sind: Anemonen, wilden Geranien, wildem Knoblauch, Blaustern, Asphodill, Schöllkraut und Milchstern. Bruce hatte erstaunliche Botanikkenntnise. Ich erinnere mich, wie in Kardamyli jemand ins Zimmer kam und fragte: ‚Wie heißt diese Blume?‘ Bruce blickte auf, antwortete: ‚Magnolia grandiflora angustifolia‘, und schrieb weiter.«

Nicholas Shakespeare, Bruce Chatwin. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg (Kindler Verlag) 2000. S. 802f

4/2021 – Short Distance Walks, 13

In der dritten Welle der Pandemie. Lockdown, Ausgangsbeschränkungen. 

Was geht? … Spaziergänge, einen Bleistift kaufen gehen. Ich lese Texte über das Gehen bis hin zu denen der obsessiven Wanderer – sie bilden ein weitläufiges poetisches Rhizom in meiner Bibliothek mit dichtem Zitatgeflecht. 

Gehen und stehen

»Giacometti liebte es zu gehen, er flanierte durch die Straßen von Paris, zeichnete, machte sich Notizen. Der gehende Mann scheint für Giacometti eine Art Archetyp gewesen zu sein; ein ursprüngliches Bild oder ein Vorbild: sich bewegen, die Gestalt, die ausschreitet und die Arme schwingen lässt, wohin ist sie unterwegs? Was sieht sie? Wir erkennen uns in dieser Gestalt, wir wollen zu anderen Orten, wir sehen andere Dinge, aber Giacomettis Skulpturen haben zwei grundlegende Zustände in der Natur und im Menschen herausgearbeitet und vertieft: sich bewegen und stehen.«

Tomas Espedal, Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen. Berlin, 2011. S. 141

3/2021

»…Rose von Schnee inmitten Frühling, endlich
im Gehäuse Maria Callas‘ Stimme Vogel Musik erlesene stürmende
stürzende Träne …

… und scheu der Vogel der Nacht trauert …
… und ahmt die kl. Schritte
die immer wehrloseren Schritte des Leibs der Seele / und immer
(nimmer) habe verborgen ich lebenslang den Schmerz die Panik die
Einsamkeit, in meinen geflügelten Wohnungen … «

aus: Friederike Mayröcker, Scardanelli. Frankfurt am Main, 2009. S. 25

2/2021 – Short Distance Walks, 12

Wandern und Sammeln
Zwei Seiten einer Collagearbeit

Nach einem Jahr Leben mit der Pandemie scheint sich der anfängliche Lichtblick zu Jahresbeginn wieder zu verdunkeln. 
Ich botanisiere weiter in meiner Bibliothek, den Text- und Bildarchiven. 
„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten aus den Stuben, über die Sterne“, schreibt Jean Paul. Unterwegs in imaginären Räumen mit Echos, nirgendwo ankommend, in Welten, die sich übereinander schieben, aufeinander  projizieren.

Die Collage ‚Der Wanderer‘ ist nach Gesprächen mit Herbert Kobler entstanden und dem 2019 verstorbenen Freund gewidmet.