{"id":8,"date":"2016-01-06T14:06:04","date_gmt":"2016-01-06T14:06:04","guid":{"rendered":"http:\/\/handverlesen.de\/blog\/?p=8"},"modified":"2020-05-05T15:27:15","modified_gmt":"2020-05-05T15:27:15","slug":"unterwegs-im-herzschlag-fremder-biographien-der-schriftsteller-joachim-jung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.handverlesen.de\/?p=8","title":{"rendered":"Unterwegs im Herzschlag fremder Biographien &#8211; Der K\u00fcnstler Joachim Jung"},"content":{"rendered":"<p>Licht und weit ist das Atelier, Raum greift in Raum, die T\u00fcren sind ausgeh\u00e4ngt. Bilder \u00fcber Bilder, B\u00fccher, Arbeitsmaterialien auf den Tischen, an den W\u00e4nden, gesammelt und geordnet in vielen Schubl\u00e4den, Farben schwingen, Erdt\u00f6ne, zarte Gelb- und Gr\u00fcnnuancen, die Farbe Blau in vielen Schattierungen scheint zu \u00fcberwiegen. Die Magie des Ortes, in die der Besucher eintaucht, f\u00fchrt tief hinein in den kreativen Prozess der Bildwerdung. Hier wird gezeichnet und gemalt, geschrieben, geforscht und experimentiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Der \u201aSpurensucher\u2018<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Oft wird der 1951 geborene K\u00fcnstler Joachim Jung \u201aSpurensucher\u2018 genannt. Nach seinem Studium an der Kunstakademie in M\u00fcnchen und einer Lehrt\u00e4tigkeit am Lehrstuhl f\u00fcr Kunsterziehung an der Universit\u00e4t Passau, entschied er sich Mitte der achtziger Jahre f\u00fcr die Existenz als freischaffender K\u00fcnstler. Der Hang zur Forschung blieb, akribisch besch\u00e4ftigt er sich vor allem mit Autoren und Malern, die zu Fu\u00df unterwegs sind. Seume, H\u00f6lderlin, Caspar David Friedrich, Rimbaud, Jean Paul, nur um einige zu nennen. Er gehe ihre Wege nach, gegenw\u00e4rtig, in aufmerksamer Betrachtung des Weges, im Rhythmus der Schritte nach innen wandernd, berichtet Jung in einer Selbstbeschreibung. Die Dialektik des Gehens interessiere ihn, sei ihm vertraut von eigenen Wanderungen. Im Laufe der Jahre entstanden gro\u00dfe Zyklen wie etwa zu Van Gogh, Henry David Thoreau oder dem Autor Hermann Lenz. Bildtitel wie \u201aDer Maler unterwegs\u2018 oder \u201aZwischen drinnen und drau\u00dfen\u2018, \u201aLandschaft und Ged\u00e4chtnis\u2018, \u201aDie Dachstube\u2018 werden zu Bildfolgen wie dem \u201aJean Paul\u2019schen Bildersaal\u2018, den Joachim Jung erst k\u00fcrzlich im Sommer 2013 in der Galerie im Schlossmuseum Ismaning ausstellte. Literatur und Malerei begreift Jung als \u201aParallelwelten\u2018, man meint in den Bildern lesen zu k\u00f6nnen wie Jean Paul schrieb: \u201eB\u00fccher lesen hei\u00dft wandern gehen in ferne Welten aus den Stuben, \u00fcber die Sterne\u201c. Unterwegs in \u201aimagin\u00e4ren R\u00e4umen mit Echos\u2018, nirgendwo ankommend, in Welten, die sich \u00fcbereinander schieben, aufeinander projizieren.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Vielschichtige Denk- und Farbwelten<\/strong><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_94\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Joachim2_mit-Tafel.jpg\" rel=\"attachment wp-att-94\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-94\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-94 size-full\" src=\"http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Joachim2_mit-Tafel.jpg\" alt=\"Joachim2_mit Tafel\" width=\"500\" height=\"753\" srcset=\"http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Joachim2_mit-Tafel.jpg 500w, http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Joachim2_mit-Tafel-199x300.jpg 199w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-94\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Heidi Fenzl-Schwab \/\/ Joachim Jung bei der Installation der Gedenktafel f\u00fcr die Familie Mann auf dem Waldfriedhof 2003<\/p><\/div>\n<p>So arbeitet Jung auch als Portr\u00e4tist. Intensiv liest und arbeitet er sich ein in vorliegendes Material der jeweiligen Biographien und Lebenskontexte. Literarisch Interessierte sto\u00dfen auf Stationen des Gedenktafelwerks, das Joachim Jung zu Thomas Mann und seiner Familie im Auftrag des Thomas-Mann-Forums M\u00fcnchen geschaffen hat wie etwa die Gedenktafeln am Haus in der Franz-Joseph-Stra\u00dfe 2. Die Portr\u00e4ts des Ehepaars Mann und ihrer Kinder in zarten Farben auf Glas werden an der Wand zum Schattenspiel. Eine Textcollage und ein Foto des historischen Hauses schaffen einen ber\u00fchrenden Ort der Erinnerung an den ber\u00fchmten Autor, den man mit seiner Familie aus M\u00fcnchen vertrieb. Wieder entdeckt wurde auch das aufgelassene Familiengrab der Manns auf dem Waldfriedhof (WAT 12-W-20), dem ein eigenes filigranes Glastafelkunstwerk gewidmet ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_95\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Tafel_Text.jpg\" rel=\"attachment wp-att-95\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-95\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-95 size-full\" src=\"http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Tafel_Text.jpg\" alt=\"Tafel_Text\" width=\"800\" height=\"531\" srcset=\"http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Tafel_Text.jpg 800w, http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Tafel_Text-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.handverlesen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Tafel_Text-768x510.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-95\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Heidi Fenzl-Schwab \/\/ Die Gedenktafel f\u00fcr das Grab der Familie Mann auf dem Waldfriedhof<\/p><\/div>\n<p>Vielf\u00e4ltig sind die Ausgangsmaterialien der Bilder. Fotos, Naturmaterialien, Texte, eigene Vorarbeiten werden in die Gegenw\u00e4rtigkeit der jeweilig entstehenden Kunstwerke montiert, hineinzitiert. Die einzelnen Werke eines Zyklus korrespondieren in ihrer Bildsprache \u00fcber die Zeiten hinweg. Joachim Jung denkt kritisch und analytisch in aktuellen und historischen Bez\u00fcgen, verdichtet Zeit- und Denkr\u00e4ume, leistet \u2013 wie Wieland Schmidt einmal schrieb \u2013 \u201aArbeit an der Erinnerung\u2018. Er schuf so vielschichtige Collagen, gro\u00dfformatige \u201aZettelbilder\u2018, wie er manche seiner Montagen nennt, oft kann man sie lesen wie Erz\u00e4hlungen. Im Laufe der Jahre \u00e4nderten sich die Techniken, die Bildwelten wurden heller, die Materialien weniger collagiert als in die eigene Bildwelt der Zeichnung und Malerei \u00fcberf\u00fchrt. Wichtig f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Arbeitsmethoden ist seine Besch\u00e4ftigung mit Joseph Fraunhofer und dessen Forschungen auf dem Gebiet der Optik und Farbspektren, den fraunhoferschen Linien im Sonnenspektrum. In der Folge entstanden gro\u00dfe Glasarbeiten im \u00f6ffentlichen Raum wie die \u201aJoseph-von-Fraunhofer-Treppe\u2018 in der Stadthalle Straubing und die \u201aSieben Jenaer Optiker\u2018 in der Fachhochschule Jena. Einen H\u00f6hepunkt findet diese Richtung der Arbeiten in den 36 Fenstern auf 80 Metern L\u00e4nge der gro\u00dfartigen \u201aLinde-Partitur\u2018 f\u00fcr die Fassade der Linde-Zentrale in M\u00fcnchen. Seit 2006 betrachte, fotografiere und zeichne er \u201aLuft\u2018, berichtet Joachim Jung, die Bewegung der Farben auf dem Malgrund besch\u00e4ftige ihn bei wechselnden Luftdruck- und Temperaturverh\u00e4ltnissen bis hin zu extremer K\u00e4lte in den Glasfenstern des Linde-Hauses: \u201eEs regnet blauen Sauerstoff aus Stickstoffwolken, als h\u00e4tte William Turner aus dem Jupiter aquarelliert.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Und immer wieder: Paul Klee<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Ein K\u00fcnstler, der sich schon fr\u00fch, vorgepr\u00e4gt durch die Farbmalerei und Theorien Delaunays, und besonders durch das Erlebnis der Tunisreise mit der Brechung der Gegenstandsformen durch die Wellenl\u00e4ngen des Lichts besch\u00e4ftigte, ist Paul Klee. Ihn sch\u00e4tzt Jung wie keinen anderen. Auf dessen Spuren, denen Mackes und Moilliets unternahm er eigene Tunesienreisen, auch ihn \u00fcberw\u00e4ltigte die Farbenwelt wie 1914 Paul Klee. In diesem ganz besonderen Licht forschte er weiter, auch in der Betroffenheit dar\u00fcber, wie der 1. Weltkrieg die Wege der K\u00fcnstler, die Internationalit\u00e4t der Avantgarde unterbrach. Im Zentrum des Interesses stand zun\u00e4chst August Macke, von dessen \u201aletzter Reise\u2018 ein gro\u00dfes Historienbild in ged\u00e4mpften Farben wie auf den alten Photographien aus Mackes Fotoalbum, das Jung einsehen konnte, erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Besonders f\u00e4llt in seinem Werk eine in vielen Formen wiederkehrende Haussilhouette auf. Es ist die Brandmauer des ehemaligen Hauses, in dem Klee viele seiner M\u00fcnchener Jahre mit der Familie verbrachte. In Gespr\u00e4chen mit Felix Klee, dem Sohn des K\u00fcnstlers, mit dem Jung freundschaftlich verbunden war, wurden die Lebensbereiche rekonstruiert. Intensiv studierte Jung auch das Tagebuch Klees. Jahr f\u00fcr Jahr der M\u00fcnchner Zeit schreiben sich fort in 24 Stationen einer eigenen Bilderfolge, die filigrane Grafiken und Malereien mit Textcollagen verbindet. Um Schl\u00fcsselbegriffe aus dem Tagebuch hat Joachim Jung nach einem strengen Formprinzip Worte Klees extrahiert und neu kombiniert. Sie werden ihrerseits zu Prosagedichten. Im Zentrum des poetischen, bildnerischen Werks: Das Herz.<\/p>\n<p>Heidi Fenzl-Schwab, 2016<\/p>\n<p>Dieser Beitrag erschien in ver\u00e4nderter Form zum ersten Mal im <a href=\"http:\/\/www.muenchner-feuilleton.de\/\">M\u00fcnchner Feuilleton<\/a>, Dezember 2014 \/ Januar 2015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Licht und weit ist das Atelier, Raum greift in Raum, die T\u00fcren sind ausgeh\u00e4ngt. 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